Heute war ich für euch bei der 22-jährigen angehenden Modistin (Hutmacherin) Jule Scheid zu Besuch – nein ich bringe jetzt nicht die abgedroschene wie vorhersehbare “Chapeaux!” Randbemerkung – und durfte mich ein wenig im ältesten Hutatelier Berlins umsehen. Was dabei herausgekommen ist, könnt ihr hier nachlesen…
Als ich durch den großen, nostalgischen Verkaufsraum der ältesten Hutwerkstatt Berlins trete, sehe ich Jule schon an ihrem Arbeitsplatz sitzen und an einem großen Strohhut nähen. Sie bereitet sich auf ihre Zwischenprüfung vor, die im Mai stattfindet. Jule ist eine dieser spezielle Persönlichkeiten, eine die eine Art Esprit besitzen, der noch einige Zeit nach unserer Begegnung nachwirkt.


Was Was hast du bisher in deiner Ausbildung gelernt?
Schon eine ganze Menge unterschiedlicher Sachen… Ich habe Gestecke und Garnituren gemacht, mit Filz und Stroh gearbeitet. Ich habe neue Hüte gezogen und alte aufgearbeitet und aufwendig restauriert. Balonmützen genäht, filigrane Brautkäppchen und üppige Hüte – im Prinzip das gesamte Spektrum was man als Hutmacher später alles so gebrauchen könnte.
Was kann man unter “einen Hut ziehen” verstehen?
Unter Einfluss von Druck, Wärme und Feuchtigkeit kann man über einer Holzform die Form von Filz dauerhaft verändern und in die gewünschte Hutgestalt bringen. Es erfordert eine Menge Kraft – aber auch Fingerspitzengefühl. Manchmal hänge ich mich mit meinem gesamten Körpergewicht an eine Hutform… deshalb war Hutmacher ja ursprünglich auch ein klassischer Männerberuf.
Männerberuf!?
Ja auf jeden Fall! (Zeigt auf ihren abgesplitterten Nagellack und lacht) Die hier hab ich gestern Abend erst lackiert! – Aber jetzt mal im Ernst… manchmal muss man schon ganz schön aufpassen. Man kann sich schnell verletzen. Zum Beispiel wenn man näht – manchmal ist die Haut einfach weicher als der Filz den man versucht zu durchstechen. Und wenn ich schwarzen Filz ziehe, sind meine Handflächen tagelang eingefärbt…
Was passiert mit den Hüten die du während deiner Ausbildung fertigst?
Wenn sie gut genug sind, finden sie ihren Weg in die Auslagen unseres Geschäfts – ich habe viele Freiheiten, meine Chefin vertraut mir da.
Und hast du schon Ideen, was du nach deiner Ausbildung mit dem Erlernten anfangen möchtest?
Hm, langfristig gesehen würde ich mich schon ganz gerne selbstständig machen. Aber wie sich alles ergeben wird bleibt wohl noch abzuwarten…
Wie waren die Reaktionen in deiner Familie, als du dich dazu entschieden hast eine Ausbildung in diesem doch eher seltenen Beruf zu machen?
Meine Mama, die selber Goldschmiedemeisterin ist, war begeistert. Aber natürlich habe ich auch kritische oder abfällige Bemerkungen erhalten – ich solle doch mit der kreativen Schiene aufhören und lieber etwas konservativeres machen… aber ich finde das sollte jeder für sich selber entscheiden können. Und ich bin im Büro nicht glücklich. Das kann mir kein Gehalt der Welt bezahlen.
Trägst du privat gerne Hüte?
Ohja, sehr viel sogar. Ich fühl mich mit Hut richtig komplett – gerne lehne ich meinen Stil dabei an die 20er und 30er Jahre an. Ich mag Nostalgie. (Zeigt auf einen aufwenigen schwarzen Hut) Der hier ist zum Beispiel für eine Kundin, aber ich möchte ihn mir auch selber nochmal anfertigen… zum Ausgehen oder so. Im Alltag trage ich eher schlichte Hüte – aber ich werde trotzde schief angeschaut. Zum Beispiel in der Ubahn. Hüte sind einfach noch nicht wirklich wieder in Mode.


Dein Verhältnis zur Mode?
Mode heißt für mich nicht “ok, ich kauf mir die Glamour”… ich interessiere mich schon für die Prêt-a-porter und Couture-Shows. Dabei mag ich eher einen schlichten, klassischen Stil – also nicht unbedingt diese pompösen, überladenen Garnituren. Ich glaub “klassisch” ist mein Lieblingswort! (lacht)
Du bist also nostalgisch?
Ja, sehr! Ich würde vielleicht sogar altmodisch sagen… natürlich bin ich auch gerne modern und unabhängig. Aber ich mag es einfach, wenn mir ein Mann den Mantel abnimmt oder die Tür aufhält.
Dein teuerstes Kleidungsstück?
Ein Nerz von meiner Oma.
Zuletzt gehörter Song?
We Have Band – Honey Trap
Danke dir Jule, für das interessante Gespräch und den Einblick in deinen Arbeitsalltag! Wir wünschen dir viel Erfolg für deine Zwischenprüfung!
Wer nun auf den Hut gekommen ist, kann sich das älteste Hutgeschäft Berlins selber anschauen – Kleemann Hüte, Schönhauser Allee 131, Berlin.